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„Almanya – Willkommen in Deutschland“.

Bewertung hinsichtlich eines unterrichtspraktischen Einsatzes unter Berücksichtigung von Diversität.

Rezension von Eva-Maria Galle

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

Bin ich Deutscher, weil ich hier geboren bin, die Sprache fließend spreche und aktiv am gesellschaftlichen Leben partizipiere? Oder bleibe ich Türke, weil meine Großeltern ursprünglich aus der Türkei kommen und vor Jahren aufgrund wirtschaftlicher Gründe nach Deutschland wanderten? Wer oder was bin ich und was macht mich aus? Letzteres begleitet jeden Menschen und ist Teil unserer persönlichen Entwicklung, Selbstfindung und Positionierung.

Almanya – Willkommen in Deutschland ist ein Spielfilm, welcher im Jahre 2011 von den Schwestern Yasemin und Nesrin Şamdereli herausgebracht wurde. Der Film erzählt von der persönlichen Geschichte des türkischen Gastarbeiters Hüseyin Yilmaz, der im Zuge der großen Gastarbeiterbewegung in den 1960er Jahren nach Deutschland einreiste. Er greift die Identitätsentwicklung sowie das Zugehörigkeits- und Heimatgefühl von Migrant:innen auf. Die Tragikomödie weist auf, welche Gründe Menschen dazu veranlassen, ihr Herkunftsland zu verlassen und in ein für sie fremdes Land zu ziehen. Zudem zeigt der Film, mit welchen Herausforderungen, Vorurteilen und Schwierigkeiten Hüseyin Yilmaz und seine Familie im Aufnahmeland konfrontiert werden. Ziel diese Rezension ist es herauszuarbeiten, wie der Film Almanya – Willkommen in Deutschland die Frage nach Identitätsentwicklung und Zugehörigkeitsgefühl inszeniert und welche literarischen Lernchancen den Schüler*innen eröffnet werden. Im Folgenden soll zunächst der Inhalt skizziert sowie Figuren und interreferierende Gesellschaftsdiskurse vorgestellt werden. Anschließend folgt eine von Kriterien geleitete Bewertung des Filmes hinsichtlich seiner Erzählung von Diversität. Darauffolgend wird die unterrichtliche Perspektive betrachtet, wobei das bildungspolitische und das literarästhetische Potential für literarisches Lernen herausgearbeitet sowie didaktische Hinweise für einen möglichen Einsatz des Filmes präsentiert werden. In einem abschließenden Fazit werden alle Ergebnisse zusammengefasst und der Film hinsichtlich seines diversitätsorientierten Einsatzes eingeordnet.

 

2. Inhalt

Der Grundschüler Cenk Yilmaz steht vor der – für ihn elementar entscheidenden – Frage, ob er nun Deutscher oder Türke ist, um im Sportunterricht die richtige Fußballmannschaft zu wählen. Anlässlich eines Familienessens, bei dem alle Familienmitglieder der Familie Yilmaz zusammenkommen, präsentieren die Großeltern Hüseyin und Fatma Yilmaz ihren deutschen Pass. Dabei hält sich, im Gegensatz zu Fatma, Hüseyins Freude in Grenzen. Er betont, dass sie immer noch Türken seien, denn letztlich sei der Pass nur ein Stück Papier ohne Bedeutung. Zudem kündigt Großvater Hüseyin an, dass er ein Haus in der Türkei gekauft hat und alle Familienmitglieder im Sommer ihren Urlaub gemeinsam dort verbringen werden. Cenk hingegen beschäftigt weiterhin die Frage, ob die Familie nun Deutsch oder Türkisch sei und warum seine Großeltern überhaupt in Deutschland sind, wenn sie behaupten, Türken zu sein. Seine ältere Cousine Canan tröstet ihn mit der Antwort, man könne auch beides sein und erzählt die Migrationsgeschichte ihrer Großeltern Hüseyin und Fatma. So ist der Film gekennzeichnet von Sprüngen zwischen der Gegenwart und der Vergangenheit. Canan als auktoriale Erzählerin eröffnet dem sechsjährigen Cenk und uns Zuschauer:innen das persönliche Buch der Familiengeschichte. Neben der Liebesgeschichte zwischen Hüseyin und Fatma stehen die ersten Jahre der Familie in Deutschland im Fokus. Anlässlich der Gastarbeiterbewegung treibt es den jungen Hüseyin Yilmaz als 1.000.001 Gastarbeiter nach Deutschland, um mehr Geld zu verdienen und den Lebensunterhalt seiner Frau Fatma, seiner Kinder Veli und Mohammed zu sichern. Der ältere Sohn Veli bereitet jedoch Probleme in der Schule, sodass Hüseyin beschließt, mit der ganzen Familie nach Deutschland zu migrieren. In Deutschland angekommen, wird die Familie mit der neuen Sprache, anderen Sitten und Traditionen konfrontiert. Im Gegensatz zu Hüseyin und Fatma erlernen die Kinder die neue Sprache schnell und übernehmen diese auch Zuhause. Neben den Einblicken in die Vergangenheit zeigt der Film aber auch aktuelle innerfamiliäre Konflikte, denn Hüseyins Söhne Mohammed und Veli verstehen sich nicht gut und Hüseyins Enkelin Canan hat einen englischen Freund, von dem keiner etwas weiß und von dem sie schwanger ist. Die Reise ins Dorf verläuft anders als geplant, denn auf dem Weg in die Türkei stirbt der Großvater Hüseyin überraschend. Hüseyins Sohn Mohammed beschließt schließlich, in der Türkei zu bleiben und ein Haus auf das von Hüseyin gekaufte Grundstück s zu bauen, während alle anderen Familienmitglieder zurück nach Deutschland fliegen. In Deutschland angekommen, fährt die Familie zu einer offiziellen Danksagung ins Schloss Bellevue, welche den Gastarbeiten gewidmet ist. Hüseyin erhielt vor seinem Tod eine Einladung, um eine Rede vor der Bundeskanzlerin zu halten. Diese hält statt Hüseyin nun sein jüngster Enkelsohn Cenk Yilmaz.

Almanya – Willkommen in Deutschland greift die Situation eines Jungen auf, der unter der Prägung von Migration und Interkulturalität vor der Herausforderung seiner Identitätsentwicklung steht. Der Spielfilm bietet dabei keine einfache „Entweder-Oder-Lösung an“.[1] Bestehende Rezensionen verweisen bereits darauf, dass der Film keinen Problemfilm darstellt, welcher Rückständigkeit, Gewalt und Frauenunterdrückung als wesentlichen Gegenstand von Migration und Integration verhandelt,[2] sondern Migration und Integration werden mit Blick auf Sprachlosigkeit, Fremd-Sein, Ankommen sowie daraus entstehenden Identitätskrisen und -entwicklungen betrachtet. Der Film zeichnet sich besonders durch seine Erzählperspektive aus, da er hinsichtlich unterschiedlicher Generationen als mehrfach adressiert gilt.[3]

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3. Kritik

Wenn der Begriff Identität als „a priori narrativ“[4] tituliert wird, dann bedeutet dies, dass Identität getragen ist von Diskursen sowie Geschichten, welche das Subjekt hinsichtlich seines sozialen, nationalen oder ethnischen Habitus dauernd formt.[5] Migration, Integration sowie die (multikulturelle) Kultur sind fundamental für die Identitätsentwicklung und werden in Almanya – Willkommen in Deutschland fokussiert, um für eine machtkritische Auseinandersetzung mit diesem Thema die Diversität der Gesellschaft aufzugreifen. Ein Aspekt, welcher zur Bildung von Identität beiträgt, ist die Sprache. Dabei kann Sprache, besonders Mehrsprachigkeit, als identitätsstiftend oder identitätsbedrohend wahrgenommen werden.[6] Bereits die Sprachmischung im Filmtitel verdeutlicht die Bedeutung und Macht, welche Sprache trägt und weist auf die im Film weiter entfaltete Sprachmischung hin. Auch für die Identitätskonstruktion wird immer wieder Bezug zur Sprache genommen. Der Film bietet Szenen, in denen in der türkischen Sprache gesprochen wird, welche jedoch mit deutschen Untertiteln gefüttert sind. So ist besonders der Anfang des Filmes überwiegend auf Türkisch, da es inhaltlich um die Zeit in der Türkei handelt. Erst nach dem Kommentar, „Können die nicht alle Deutsch reden“[7], wird die türkische von der deutschen Sprache abgelöst und nur noch verwendet, wenn Szenen aus der Vergangenheit eingespielt werden. Reden die Protagonist:innen , welche allen ZuschauerInnen fremd ist. Kommunizieren die Protagonist:innen in der Gegenwart in der türkischen Sprache, so wird diese weiterhin mit deutschen Untertiteln übersetzt. Bereits hier wird deutlich, dass die Mehrsprachigkeit nicht nur aufgriffen wird, um auf die Sprachenvielfalt zu verweisen, sondern die Sprache hat hier vielmehr die Funktion, auf das Fremdsein hinzuweisen sowie aufzuzeigen, welche Macht Sprache besitzt.[8] Das Ziel mehrsprachiger Kinder- und Jugendliteratur kann auch auf den Spielfilm übertragen werden, denn Zuschauer:innen machen die Erfahrung von Sprachlosigkeit, wie dies auch Familie Yilmaz in ihrer ersten Zeit in Deutschland erleben musste, da für sie die deutsche Sprache verfremdet wird.[9] Da Hüseyin, Fatma und die Kindern die deutsche Sprache zunächst nicht beherrschen, haben sie Probleme ihre Mitmenschen zu verstehen und sich zu verständigen. Als Fatma eines Tages Brot und Milch kaufen muss, spricht sie zunächst in ihrer Muttersprache mit der Hoffnung, dass der Verkäufer sie versteht. Als sie jedoch merkt, dass der Verkäufer sie nicht versteht, versucht sie sich mit Mimik, Gestik und Tierlauten zu erklären, dass sie (Kuh-)Milch kaufen möchte.[10] Die Erfahrung von Sprachlosigkeit machen nicht nur Hüseyin, Fatma und ihre Kinder, sondern auch Cenk in der Gegenwart. Während der Reise in die Türkei trifft er auf einen Jungen, welcher ihn fragt in welche Klasse er gehe. Cenk antwortet dem Jungen jedoch nicht, weil seine türkischen Sprachkenntnisse nicht ausreichen, um die Frage zu beantworten. Dennoch spaltet die Sprachbarriere beide Kinder nicht voneinander. Der Junge beruhigt Cenk, dass das gar kein Problem sei, denn er könne ja etwas Deutsch sprechen.[11] Andererseits ist mit Sprache aber auch Heimat, Geborgenheit, Identität und Zuhause verbunden,[12] was in dem Film ebenso berücksichtigt wird. Als die Familie nach ihrer Einreise bereits einige Zeit in Deutschland lebt, fangen die Kinder an Zuhause in der deutschen Sprache zu sprechen.[13] Besonders Hüseyin reagiert darauf sichtlich geschockt und befürchtet, dass seine Kinder durch die Übernahme der deutschen Sprache und Kultur ihre eigentliche Herkunft vergessen, oder gar ablegen. So beschließt er einen Urlaub in der Türkei, um seine Kinder zu ihren Wurzeln zurückzuführen.[14] Noch heute ist das Familienleben der Familie Yilmaz gekennzeichnet durch den Gebrauch der türkischen Sprache, denn obwohl die Familie seit über 30 Jahren in Deutschland lebt, sprechen sie Zuhause überwiegend Türkisch. Die Kommunikation in der gemeinsamen Sprache führt dazu, dass das familiäre Zusammengehörigkeitsgefühl gestärkt wird.[15]

Neben dem essentiellen sprachlichen Aspekt ist auch die Kultur ein Aspekt, welcher Einfluss auf Identitätskonstruktionen hat. Da sich die heutige Gesellschaft als eine multikulturelle Gesellschaft bezeichnet, verweist Hodaie darauf, dass sich die Idee einer multikulturellen Gesellschaft entweder auf dem Prinzip der Gleichheit oder auf dem Prinzip der Andersheit stützt.[16] Kultur kann einerseits als „zentrale Differenzdimension“[17] betrachtet werden. Kulturen werden in diesem Kontext als geschlossene Gebilde betrachtet, welche miteinander in Berührung kommen, sich jedoch nicht miteinander vermischen. Kulturelle Unterschiede werden bejaht und Personen werden auf die eine Identität festgelegt. Folgend betrachtet der gegensätzliche Diskurs Kultur als „dynamisch, individuelle und hybrid“.[18] Kultur wird in diesem Kontext als nicht fest umgrenzt festgeschrieben, sondern ist geprägt von Interaktionsprozessen, in denen kulturelle Differenzen kulturkonstruktiv verhandelt werden. Kulturelle Differenzen sind demnach Ergebnisse einer Zuschreibung, welche sich in dem Prozess der Begegnung zwischen Kulturen vollzieht und stellt somit keinen Zustand dar, welcher feststehende benennbare Eigenschaften vertritt.[19] Almanya – Willkommen in Deutschland schafft es mit der Frage nach Identität, beide Perspektiven aufzugreifen. Hüseyin, Fatma und ihre Kinder stehen kurz vor der Abreise nach Deutschland und verabschieden sich von ihrem näheren Umfeld. Dabei hören alle von ihnen unterschiedlichen Vorurteilen, welche die kulturellen Unterschiede zwischen beiden Nationen betonen und sie vor der Einreise ins neue Land verschrecken.[20] Wie sehr Vorurteile den Blick und die Wahrnehmung beeinflussen, zeigt sich, als die Familie in Deutschland ankommt und Fatma dabei anmerkt, dass es hier seltsam aussehen würde. Ihre unvoreingenommene Tochter Leyla hingegen widerspricht ihr und korrigiert: „hier sieht es genau so aus, wie bei uns“.[21] Zu Hause angekommen werden die gehörten Vorurteile dennoch wahrgenommen. Fatma schrubbt die Toilette, bevor sie diese benutzen, denn die Deutschen seien ja dreckig. Sohn Mohammed sieht das Kreuz mit dem hängenden Jesus an der Wand und erschrickt, weil ihm gesagt wurde, dass dieser Menschen fressen würde. Die Erfüllung der Vorurteile führt dazu, dass die Andersheit der Familie gegenüber den Deutschen verstärkt wird und sie sich noch von der Aufnahmegesellschaft abgrenzen können. Neben all den ersten Erfahrungen und Begegnung mit den Vorurteilen kommt es dennoch dazu, dass die Familie Yilmaz ihr erstes Weihnachtsfest feiert, denn „je länger sie weg von der Heimat waren, desto größer wurde der Einfluss der fremden Kultur“.[22]

Nicht nur die Adaption der Sprache, sondern auch der Wunsch der Kinder, das Weihnachtsfest zu feiern, verdeutlicht, dass eine Mischung unausweichlich ist. Dass Kultur dynamisch, individuell und hybrid ist, zeigt sich aber auch, als die Familie Urlaub in der Türkei macht. Canan verweist darauf, dass nicht nur ihre persönliche Ansichten sich verändert haben, sondern auch die Dinge in der Heimat nicht mehr wie vorher sind.[23] Dieser Wandel zeigt sich ebenso in Hüseyins heutiger persönlichen Positionierung, denn er sieht sich selber noch als Türke und für ihn hat der deutsche Pass keine Bedeutung. Auch, dass sein Enkel Cenk kaum Türkisch kann, spricht für Hüseyin nicht dagegen. Ganz im Gegenteil, denn mit den Worten „Wir sind immer noch Türken. Und du auch“[24] setzt er ein klares Statement als Familienoberhaupt.

In ihrem Text die postmigrantische Gesellschaft verweist Foroutan darauf, dass sich in einer postmigrantischen Gesellschaft, welche von Einwanderung und Migration geprägt ist, die nationalen Identitätsbezüge verändern, da durch den Einschluss, die Partizipation und die Aufstiegschancen sowie Durchlässigkeit für Einwander:innen immer mehr Menschen für sich den Anspruch erheben, „Deutsch zu sein, auch wenn ihre Vorfahren nicht immer in Deutschland gelebt haben“.[25] Der Film Almanya – Willkommen in Deutschland demaskiert genau diesen Aspekt, indem Zuschauer:innen dazu herausgefordert zu hinterfragen, was eine Person denn zu einem Deutschen macht? Ist es die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, das Erbringen von Arbeit und der Beitrag zum Wohlstand eines Landes? Oder ist es erst der deutsche Pass, ein Dokument, ein Stück Papier den Hüseyin und Fatma nach 30 Jahren erhalten? Gebe ich meine Identität auf, wenn ich als Immigrant:in mich als Deutsche:r bezeichne? Yasemin und Nesrin Şamdereli bedienen sich bewusst an Klischees und Stereotypen des Aufnahme- sowie des Einwanderungslandes. Dies tun sie jedoch nicht, um die Unterschiede beider Länder und Kulturen zu betonen und zu hierarchisieren, sondern um eine daraus drohende Hierarchisierung und Diskriminierung zu hemmen. Unterschiede werden angesprochen und weder negiert noch abgestritten. Die Erzählung des Filmes und die Sprünge zwischen den Zeiten verdeutlichen, dass Cenks Frage mit einem binären Denken nicht beantwortet werden kann. Seine Herkunft und die Geschichte seiner Familie, seine Mehrsprachigkeit, seine multikulturelle Umgebung, seine prägenden Erfahrungen sowie seine persönliche Orientierungen machen Cenk zu dem, was er ist.

4. Unterrichtliche Perspektive

Ein Ziel des Literaturunterrichts ist, Schüler:innen bei ihrer Identitätsentwicklung und Interaktionsfähigkeit zu unterstützen, um eine Teilhabe an der Gesellschaft zu fördern.[26] Besonders in diesem Zusammenhang möchte ich den Gewinn des audiovisuellen Mediums gegenüber den Printmedien betonen. Schüler:innen nutzen audiovisuelle Texte täglich und sind mit diesen in ihrem Alltag konfrontiert. An diesem Zustand knüpft die Filmerziehung an und definiert als allgemeines Ziel,

„den Menschen unabhängiger gegenüber dem Filmeinfluss zu machen, damit er souverän die Erfahrungen, Erregungen und Genüsse des Filmsehens zum Aufbau seiner Persönlichkeit benütze. Er soll sich der Wirkung des Filmes hingeben, soll sich aber nicht dabei verlieren, sondern zu kritischen Distanzierung fähig bleiben.“[27]

Gründe für die Nutzung von visuellen Medien sind zunächst, dass diese großen Raum im Leben von Kindern und Jugendlichen einnehmen und Individuen die medialen Wirklichkeitsentwürfe für ihre Selbstkonstruktion aus audiovisuellen Angeboten beziehen[28] sowie Werte, Normen, Mythen und Diskurse der Gesellschaft sich dynamischer und wirkmächtiger in den populären visuellen Medien bilden.[29] Dabei unterstützen filmische Techniken oft die Inhalte und Themen des Filmes, weshalb bei einer Filmanalyse unbedingt berücksichtigt werden sollte, was wie und mit welcher Wirkungen und in welchem Zusammenhang gezeigt wird. Angesichts der knappen Unterrichtszeit bietet es sich an, nur einzelne Ausschnitte von ca. 20 Minuten zu zeigen, oder ein aussagekräftiges Filmstill auszuwählen.[30] Ein Beispiel bietet ein Filmstill aus der Szene, in der die Familie ihr erstens Weihnachtsfest feiert (1:06:36).

Abbildung 1: Şamdereli, 2011 Szene 9 (1:06:36).

Fatma und Hüseyin Yilmaz beim Feiern ihres ersten Weihnachtsfestes in ihrem Wohnzimmer.

Die Lesekompetenz der Schüler*innen wird hier im Sinne einer visual literacy gefördert, bei der, ungeachtet des Schrift- bzw. Sprechtextes, das Bild bezüglich seiner sinnlichen Aussage und Bedeutung analysiert wird.[31] Besonders bei diesem Filmstill sind die Figuren, ihre Positionierung und Haltung im Raum sowie der Hintergrund zu beachten. Auf der linken Seite ist ein bescheidener, ungeschmückter, kleiner Baum zu sehen, vor dem Mutter Fatma strahlend mit einer Glocke steht, um mit ihren Kindern das Fest zu feiern. Auf der rechten Seite hängt ein großes gesticktes Bild, welches Elemente aus der islamischen Tradition aufgreift. Vor diesem pompösen Bild sitzt Vater Hüseyin und sein Gesichtsausdruck lässt darauf schließen, dass er absolut unbeeindruckt und desinteressiert ist, das Weihnachtsfest zu feiern. Die Abbildung ist die Verbildlichung der Gegenüberstellung zweier Kulturen, einer versuchten Adaption der fremdem Kultur, bei einem geleichzeitigen Bewahren der eigenen Kultur und Herkunft. Die Frage nach der Identität begleitet Schüler:innen in ihrer Selbstfindung und kann besonders bei Kinder und Jugendlichen, welche sich zwischen zwei Kulturen bewegen,  zu Identitätskrisen führen, denn insbesondere die Lebenssituation von Migrationsjugendlichen stellt eine spezielle Konstellation dar.[32] Erik H. Erikson verweist darauf, dass besonders die Adoleszenz als eine Hauptkrise beschrieben werden kann, „denn der Jugendliche müsse in dieser Lebensphase eine eigene Position finden und herausbilden“.[33] Angesichts dessen würde ich den Spielfilm Almanya – Willkommen in Deutschland für die Klassenstufen acht bis zehn empfehlen.

5. Fazit

Mit dem Begriff Diversität ist ein gesellschaftliches und politisches Konzept verbunden, welches einen respektvollen und wertschätzenden Umgang mit Vielfalt und Verschiedenartigkeit verteidigt. Diversität kann hinsichtlich der sexuellen Identität, des Geschlechts, religiösen Anschauung, Gesundheit sowie der ethnischen und sozialen Herkunft und auf vielen weiteren Ebenen betrachtet werden. Almanya – Willkommen in Deutschland widmet sich der Identitätsfrage von Migrant:innen sowie deren Kinder und Enkelkinder. Besonders der Sprache wird eine Schlüsselrolle zugesprochen, da sie im Film einerseits als identitätsstiftend und zugleich als identitätsbedrohend präsentiert wird. Neben dem sprachlichen Aspekt bedient sich der Film Stereotypen und Klischees der deutschen und türkischen Kultur, ohne diese jedoch zu hierarchisieren. Die Frage Cenks, ob die Familie jetzt Deutsche oder Türken seien wird am Ende nicht explizit beantwortet, sondern es wird darauf hingewiesen, dass

„wir die Summe all dessen [sind], was vor uns geschah. All dessen, was vor unseren Augen getan wurde. All dessen, was uns angetan wurde. Wir sind jeder Mensch und jedes Ding, dessen Da-Sein das unsere beeinflusst oder von unserem beeinflusst wurde. Wir sind alles was geschieht, nachdem wir nicht mehr sind und was nicht geschähe, wenn wir nicht gekommen wären.“[34]

Der Film bietet Schüler:innen neben der Auseinandersetzung mit Stereotypen und kulturellen Unterschieden, Brechung und Verhandlung von Konventionen und Geschlechterrollen sowie Diskussion bezüglich der Bedeutung von Sprache und Sprachmischung ebenso die Möglichkeit darüber zu sprechen, woran sie ihre Identitätszugehörigkeit festmachen und woran sie sich dabei orientieren. Anlässlich der steigenden heterogenen Klassenkonstellationen und Inklusion geflüchteter Schüler:innen, welche das Aufwachsen zwischen zwei Kulturen als einen eventuellen Konflikt wahrnehmen, eröffnet sich hier eine besondere Chance.

Zudem ist ein reflektierter Umgang mit dem Medium Film angesichts seines hohen Stellenwerts auf Individuation, Sozialisation und Enkulturation, unumgänglich. Neben der kulturellen Bildung ist außerdem der Erwerb und die Förderung von Medienkompetenzen, welche Schüler:innen sich bei der Analyse des Zusammenspiels von Ton, Kamerabewegung, Sprechtext und Figurenkonstellation aneignen, von enormer Bedeutung.

[1] Vgl. Parvin Sadig, Integration zum Lachen, 2011.

[2] Vgl. Sadigh, Integration zum Lachen.

[3] Vgl. Heidi Rösch, Alles wird gut?! – Flucht als Thema in aktuellen Bilderbüchern für den Elementar- und Primarbereich, 2018, 2

[4] Eva Kimmich, Macht und Entmachtung der Zeichen. Einführende Betrachtung über Individuum, Gesellschafft und Kultur, Frankfurt 2003, 16.

[5] Vgl. Kimmich, Macht und Entmachtung der Zeichen, 13.

[6] Vgl. Wilhelm Oppenrieder/ Maria Thurmaier, Sprachidentität im Kontext von Mehrsprachigkeit, Tübingen 2003, 49.

[7] Şamdereli, 2011, Szene 2 (15:32).

[8] Vgl. Jana Mikota, Sprachmischungen in aktuellen Kinder- und Jugendromanen, Baltsmansweiler 2018, 65.

[9] Vgl. Mikota, Sprachmischungen, 65.

[10] Vgl. Şamdereli, 2011, Szene 7 (50:34-51:00).

[11] Vgl. Şamdereli, 2011, Szene 8 (57:51-58:15).

12 Vgl. Mikota, Sprachmischungen, 77 f.

[13] Vgl. Şamdereli, 2011, Szene 9 (1:07:12-1:07:19).

[14] Vgl. Şamdereli, 2011, Szene 9 (1:07:39-1:07:44).

[15] Vgl. Mikota, Sprachmischungen, 71.

[16] Vgl. Nazli Hodaie, Interkulturalität, Berlin 2020, 322.

[17] Hodaie, Interkulturalität, 322.

[18] Hodaie, Interkulturalität, 323.

[19] Vgl. Hodaie, Interkulturalität, 323.

[20] Vgl. Şamdereli, 2011 Szene 3 (26:24-27:48).

[21] Vgl. Şamdereli, 2011, Szene 3 (31:27-31:31).

[22] Vgl. Şamdereli, 2011, Szene 9 (1:05:15-1:05:19).

[23] Vgl. Şamdereli, 2011, Szene 9 (1:10:07-1:10:09).

[24] Şamdereli, 2011, Szene 2 (13:07-13:10).

[25] Naika Foroutan, postmigrantische Gesellschaft.

[26] Vgl. Leubner/Saupe/Richter: Literaturdidaktik, S.37f.

[27] Schönleber: Schnittstellen, S. 36.

[28] Vgl. Ulf Abraham, Filme im Deutschunterricht, Seelze 2009, 66.

[29] Vgl. Abraham, Filme im Deutschunterricht, 67.

[30] Vgl. Abraham, Filme im Deutschunterricht, 75.

[31] Vgl. Ebd., 115 f.

[32] Vgl. Ibrahim Atabay, Zwischen Islamismus und Patchwork, Identitätsentwicklung bei türkischstämmigen Kindern und Jugendlichen dritter und vierter Generation, Freiburg 2012, 39.

[33] Atabay, Zwischen Islamismus und Patchwork, 44.

[34] Şamdereli, 2011, Szene 11 (1:34:50-1:35:22).

6. Literaturverzeichnis

Abraham, Ulf: Filme im Deutschunterricht. Hg. Von Jürgen Baurmann und Clemens Kammler. 4. Aufl. Seelze: Kallmeyer in Verbindung mit Klett Friedrich Verlag 2018.

Atabay, Ilhami: Zwischen Islamismus und Patchwork. Identitätsentwicklung bei türkischstämmigen Kindern und Jugendlichen dritter und vierter Generation (Münchener Studien zur Kultur- und Sozialpsychologie, Band 21). Hg. Von Prof. Dr. Heiner Keupp. Freiburg: Centaurus Verlag & Media KG 2012.

Foroutan, Naika: Die postmigrantische Gesellschaft. https://www.bpb.de/themen/migration-integration/kurzdossiers/205190/die-postmigrantische-gesellschaft/. [14.03.2022. 18:21 Uhr].

Kimmich, Eva: „Macht und Entmachtung der Zeichen. Einführende Betrachtung über Individuum, Gesellschaft und Kultur.“ In: Kimmich, Eva (Hrsg.): Kulturelle Identität. Konstruktionen und Krisen. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH 2003. S. 7-42.

Hodaie, Nazli: „Interkulturalität.“ In: Kurwinkel, Tobias/Schwerheim, Philipp (Hg.): Handbuch. Kinder und Jugendliteratur. Berlin: Metzler 2020. S. 322-333.

Kohler, Michael. (2011, 10. März). Deutsch als Fremdsprache. Frankfurter Rundschau. https://www.fr.de/kultur/tv-kino/deutsch-fremdsprache-11403922.html. [14.03.2022. 18:44 Uhr].

Leubner, Martin/Saupe, Anja/Richter, Matthias: Ziele des Literaturunterrichts. In: Dies.: Literaturdidaktik. 2.Aufl. Berlin: Akademie-Verlag 2012. S. 25.40.

Mikota, Jana: „Sprachmischungen in aktuellen Kinder- und Jugendromanen.“ In: Ballis, Anja/Pecher, Claudia Maria/Schuler, Rebecca (Hgg.): Mehrsprachige Kinder- und Jugendliteratur. Überlegungen zur Systematik, Didaktik und Verbreitung. Baltsmannsweiler 2018 (Schriftenreihe der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendliteratur Volkach e.V.; 47). S. 65-82.

Oppenrieder, Wilhelm/Thurmaier, Maria: „Sprachidentität im Kontext von Mehrsprachigkeit.“ In: Jannich, Nina/Thim-Mabrey, Christiane (Hrsg.): Sprachidentität. Identität durch Sprache. Tübingen: Gunter Narr 2003. S. 39-56.

Sadigh, Parvin. (2011, 9. März). Integration zum Lachen. Zeit. https://www.zeit.de/kultur/film/2011-03/almanya-film?utm_referrer=https%3A%2F%2Fwww.google.com%2F. [16.02.2022. 14:53 Uhr].

Şamdereli, Yasemin/Şamdereli, Nesrin (2011): Almanya – Willkommen in Deutschland [Film], Deutschland: Roxy Film GmbH.

Schönleber, Matthias: Schnittstellen. Modelle für einen filmintegrativen Literaturunterricht. Hg. v. Bodo Lecke und Christian Dawidowski. Frankfurt am Main: Peter Lang GmbH 2012.

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