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Mai 2022

Julia Götte B.A. stellt ihre Bachelorarbeit vor.
Thema:
Rassismus in Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel von Harry Potter und die Kammer des Schreckens

Auch über zwanzig Jahre nach der Erscheinung des ersten Harry-Potter-Bandes genießen die Geschichten des Zauberers Harry Potter große Aufmerksamkeit. Die Fantasy-Romane finden nicht nur bei Kindern und Jugendlichen Anklang, sondern werden auch von Erwachsenen gelesen. Mit einer weltweiten Auflage von über 400 Millionen verkauften Exemplaren und einer Übersetzung in rund 70 unterschiedliche Sprachen ist es mutmaßlich nicht überspitzt, von einem „Kulturphänomen“[1] zu sprechen. Auch die Verfilmungen der Buchreihe, welche zwischen 2001 und 2011 erschienen sind feiern noch heute Erfolge.[2]

Auch ich persönlich bin mit den Abenteuern des Zauberschülers Harry Potter aufgewachsen und wurde von seinen Erlebnissen an der Zauberschule Hogwarts geprägt. Nach der Teilnahme an Veranstaltungen zum Thema „Kinder- und Jugendliteratur“ im Rahmen meines Studiums, habe ich eine besondere Begeisterung und Leidenschaft für diesen Bereich der Literaturwissenschaft entwickelt. So war mir bei der Themenfindung der Bachelorarbeit schnell bewusst, dass ich mich gerne wissenschaftlich mit Kinder- und Jugendliteratur beschäftigen möchte.

Mit der Thematik Rassismus hatte ich vor dem Verfassen der Bachelorarbeit noch eher wenige Anknüpfungspunkte. Natürlich tritt Rassismus gegenwärtig immer wieder als gesellschaftliches Problem in den Medien auf, doch um dieses Phänomen besser zu verstehen, war es mir schon seit einiger Zeit ein persönliches Anliegen, mich detaillierter mit der Bedeutung, dem Umgang und den Auswirkungen von Rassismus zu beschäftigen. Daraus hat sich das Thema meiner Bachelorarbeit „Rassismus in Kinder- und Jugendliteratur am Beispiel von Harry Potter und die Kammer des Schreckens[3]“ ergeben. Dazu wurde der Fantasy-Roman von Joanne K. Rowling unter der Leitfrage „Inwiefern wird in J.K. Rowlings Harry Potter und die Kammer des Schreckens in Bezug auf den fiktiven Blutstatus für Rassismus sensibilisiert?“ analysiert.

In der Beschäftigung mit dem Thema Rassismus konnte ich mein Bewusstsein für die Vielschichtigkeit, die zahlreichen unterschiedlichen Schwerpunkte und besonders für die Herausforderungen, welche die Thematik birgt, erheblich erweitern. Um den Rahmen einer Bachelorarbeit zu wahren, war es notwendig den sehr vielseitigen Begriff einzugrenzen. Die Analyse der Primärliteratur Harry Potter und die Kammer des Schreckens orientierte sich folglich primär an den Definitionsversuchen nach Claus Melter und Paul Mecheril[4] sowie Annika Kalpaka und Nora Räthzel[5]. Es handelt sich beim Rassismus nicht um ein historisches Ereignis, sondern viel mehr um ein gesellschaftliches Phänomen, bei dem durch Rassenkonstruktionen Gruppen erzeugt werden, denen Eigenschaften zugeschrieben werden.[6] Die Polarisierung durch Betonung der Andersartigkeit der Gruppenzugehörigen führt zur Abwertung und Diskriminierung ebensolcher Gruppen.[7]

Hinsichtlich der Bewertung des interkulturellen Werts des Jugendbuches habe ich mich vor allem auf Rösch (2006)[8] bezogen, die mit dem erweiterten Rassismus-Begriff arbeitet und Dominanzkulturen berücksichtigt. Rösch hat vor diesem Hintergrund einen Katalog mit  rassistischen Argumentationsmustern[9] sowie eine Liste von Merkmalen interkulturell wertvoller Kinder- und Jugendliteratur[10] aufgestellt.

Die Analyse der Handlungsebene hat ergeben, dass es in der Geschichte des jungen Zauberers Harry Potter zu rassistischen Vorfällen in Form von verbalen und körperlichen Anfeindungen kommt. Es lässt sich eine deutliche Abgrenzung muggelstämmiger Hexen und Zauberer[11] durch einige Reinblüter*innen[12] feststellen. Der diskriminierten Gruppe wird magische Unfähigkeit und Minderwertigkeit aufgrund ihres unreinen Blutes zugesprochen. Bei genauer Betrachtung zeigt sich aber, dass die Wiederholung des rassistischen Stereotyps auch vielfach überformt wird. Beispielhaft führe ich einzelne Textstellen hier an, über die Brüche in das rassistische Motiv des suis sanguis einziehen.

Ein erster Bruch stellt die Beobachtung dar, dass die dominanzausübende Gruppe, die sich rassistisch gegenüber den muggelstämmigen Hexen und Zauberern gebärden, in der Zaubererschaft anteilig nur eine Minderheit darstellt und zudem keine Sympathieträger*innen darstellen: „[S]chmutziges Blut, gewöhnliches Blut. Verrückt. Heute haben die meisten Zauberer ohnehin gemischtes Blut. Wenn wir keine Muggel geheiratet hätten, wären wir ausgestorben.“[13] Zudem ist sich die Mehrheit bereits bewusst, dass von dem Blutstatus nicht auf die Fähigkeiten der jeweiligen Hexe oder des Zauberers geschlossen werden kann. So verweist Ron Weasley, einer der Protagonisten, auf seinen Mitschüler Neville Longbottom, welcher der reinen Blutlinie angehört, sich jedoch als minderbegabt herausstellt.[14]

Als weiterer Bruch mit dem rassistischen Motiv des suis sanguis kann das magische Schulsystem gewertet werden. Alle jungen Hexen und Zauberer haben unabhängig ihres Blutstatus die Möglichkeit in Hogwarts ihre magischen Fähigkeiten zu verbessern.[15]

Auch gestalterisch lässt sich größtenteils von einem sensiblen Umgang mit Rassismus sprechen. Keines der von Heidi Rösch zusammengefassten rassistischen Argumentationsmuster lässt sich in der Primärliteratur wiederfinden. Der interkulturelle Konflikt der konstruierten Gruppen wird weder verherrlicht noch gänzlich ignoriert. Ferner tragen die literarische Erzählform sowie der fiktive Blutstatus, welcher Gegenstand des rassistischen Konflikts ist, dazu bei, dass Leser*innen auf der Realitätsebene nicht ethnisiert werden.

Folglich zeigen Ergebnisse der Untersuchung, dass der Fantasy-Roman Harry Potter und die Kammer des Schreckens – insbesondere unter Berücksichtigung dessen, dass die Harry-Potter-Reihe nie explizit als rassismuskritisch und interkulturell wertvoll konzipiert war, einige rassismussensible Aspekte (vor dem Hintergrund des fiktiven Blutstatus) enthält.

Trotz der hier herausgestellten rassismukritischen Erzählweisen könnte der reflexive Umgang mit natio-ethno-kultureller Vielfalt in Harry Potter und die Kammer des Schreckens noch dominanter sein, zum Beispiel durch den Ausbau der Selbst- und Fremdwahrnehmung. Gemeint ist damit, dass zum Beispiel die Protagonist*innen im gestalterischen Rahmen des Fantasy-Romans aus verschiedenen Perspektiven in den Blick genommen werden. Diese doppelte Optik birgt die Anregung zur Selbst- und Fremdreflexion der Rezipient*innen.[16] Auch sind die im Jugendroman dargestellten Formen der Solidarität kritisch zu betrachten. Denn einige Figuren sehen die rassistischen Diskriminierungen als Anlass, körperlich zu werden und die Differenzen durch einen Kampf zu lösen, anstatt sie durch Reflexion und Kommunikation zu überwinden:

‚Mit solchen Leuten [die muggelstämmige Familie Granger, J.G.] geben Sie sich ab, Weasley, und ich hatte gedacht, Ihre Familie könnte nicht noch tiefer sinken –‘ Es gab ein metallisches Klingen, als Ginnys Kessel durch die Luft flog; Mr Weasley hatte sich auf Mr Malfoy gestürzt und ihn mit dem Rücken gegen ein Bücherregal geworfen.[17]

Die Kampfbereitschaft kann zudem auf den typischen Gut-Böse Konflikt zurückgeführt werden. Es ist auffällig, dass besonders die stereotypisch bösen Figuren diskriminierend sind, während die stereotypisch guten Figuren in der Opferrolle verortet oder als emanzipativ gezeichnet werden.[18] Vor diesem Hintergrund wäre von Interesse, weitere Forschungsarbeiten anzuschließen, die die einzelnen Figuren detaillierter analysieren, um die Motive für ihr rassistisches bzw. rassismuskritisches Verhalten aufzuzeigen. Ferner ist es möglich, Harry Potter und die Kammer des Schreckens auf weitere Formen der Diskriminierung, wie zum Beispiel Fat-Shaming oder weitere konstruierte Gruppen, unabhängig ihres Blutstatus, zu untersuchen.

Die Bachelorarbeit ist im Wintersemester 2021/22 an der Universität Paderborn unter Betreuung von JProf. Dr. Magdalena Kißling und Dr. Cornelia Zierau entstanden.

Literaturangaben:

[1] Karg, Ina; Iris Mende: Kulturphänomen Harry Potter. Multiadressiertheit und Internationalität eines nationalen Literatur- und Medienevents. Göttingen: V&R 2010.

[2] Vgl. Verlag Der Tagesspiegel GmbH: 7 Bücher, 8 Filme, Milliardengewinne: https://www.tagesspiegel.de/kultur/zahlen-und-fakten-7-buecher-8-filme-milliardengewinne/4376524.html. Letzter Zugriff: 28.04.2022.

[3] Rowling, J.K.: Harry Potter und die Kammer des Schreckens. Hamburg: Carlsen 1999.

[4] Rassismuskritik. Rassismustheorie und -forschung. Hg. v. Paul Mecheril, Claus Melter. 2. Auflage. Schwalbach: WOCHENSCHAU Verlag 2011.

[5] Rassismus. Die Schwierigkeit nicht rassistisch zu sein. Hg. v. Annika Kalpaka, Nora Räthzel u. Klaus Weber. Hamburg: Argument Verlag 2017.

[6] Vgl. Ebd.

[7] Vgl. Rommelspacher, Birgitt: Was ist eigentlich Rassismus? In: Rassismuskritik. Rassismustheorie und -forschung. Hg. v. Paul Mecheril, Claus Melter. 2. Auflage. Schwalbach: Wochenschau Verlag 2011. S. 29.

[8] Rösch, Heidi: Was ist interkulturell wertvolle Kinder- und Jugendliteratur? In: Beiträge Jugendliteratur und Medien. 6 (2006) H. 2.

[9] Vgl. Ebd. S. 98f.

[10] Vgl. Ebd. S.102.

[11] Muggelstämmigkeit = eine Hexe/ ein Zauberer stammt ausschließlich von nicht-magischen Menschen ab.

[12] Reinblütigkeit = eine Hexe/ ein Zauberer stammt ausschließlich von magischen Menschen ab.

[13] Rowling, J.K.: Harry Potter und die Kammer des Schreckens. Hamburg: Carlsen 1999. S. 121.

[14] Vgl. Ebd.

[15] Vgl. Ebd.

[16] Vgl. Rösch, Heidi: Was ist interkulturell wertvolle Kinder- und Jugendliteratur? In: Beiträge Jugendliteratur und Medien. 6 (2006) H. 2. S. 96.

[17] Ebd., S. 67.

[18] Vgl. ebd. S. 117.

 

Zur Person:

Nach erfolgreichem Abschluss meines Abiturs im Jahr 2018 habe ich im Wintersemester 2018/2019 mein Lehramtsstudium für Gymnasien und Gesamtschulen mit den Fächern Deutsch und katholische Religionslehre an der Universität Paderborn begonnen.

Im Sommersemester 2021 war ich als studentische Hilfskraft am Institut für Katholische Theologie im Bereich der Kirchen- und Religionsgeschichte tätig. Durch Leitung des Grundkursbegleitenden Tutoriums konnte ich erste berufsfeldnahe Erfahrungen sammeln. Nachdem ich im Wintersemester 2021/2022 erfolgreich mein Studium im Bachelor of Education abgeschlossen habe, studiere ich seit April 2022 im ersten Semester des Masters of Education.

Im Rahmen meines Bachelorstudiums habe ich unter anderem Veranstaltungen zum Thema „Kinder- und Jugendliteratur“ besucht, welche mein Interesse zur ausführlicheren Beschäftigung in diesem Bereich der Germanistik geweckt haben. Dies hat mich schließlich auch bei der Themenfindung meiner Bachelorarbeit beeinflusst.

Gerade mit Blick auf meinen zukünftigen beruflichen Werdegang bin ich zuversichtlich von der wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Kinder- und Jugendliteratur profitieren zu können. Ferner möchte ich die Erkenntnisse meiner Bachelorarbeit nutzen, um die zukünftigen Schülerinnen und Schüler für Rassismus zu sensibilisieren.

 

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