Artikel
diMaG – Ausgabe 3
Nager und Narrative: Tierliteratur und spekulative Fiktion der Klimakrise
Autor*innen
Katie Unwin
Abstract
Randy Malamud argumentiert, dass „Trashtiere" zu Symbolen menschlicher Ängste wurden, weil wir sie als abstoßendes „Anderes" konstruiert haben. Doch spekulative Fiktionen mit nicht-menschlichen Stimmen gehen darüber hinaus: Sie werden zu Gedankenexperimenten, die anthropozentrische Erkenntnisordnungen unterwandern. Günter Grass' Die Rättin (1986) und Ulla Hahns Tage in Vitopia (2022) nutzen Ratten- bzw. Eichhörnchen-Erzähler, um menschliches Exzeptionalismus-Denken radikal infrage zu stellen. Diese tierischen Narrative dekonstruieren marginalisierende Hierarchien – wer dazugehört, wessen Geschichte zählt, wer leben darf – und legen ihre Funktionsweisen offen. Besonders dringlich wird dies angesichts der Klimakrise, die durch Fiktionen menschlicher Vorherrschaft verschärft wird. Unter Rückgriff auf Donna Haraways „seeing from below" und Giorgio Agambens Klimakritik zeige ich, wie diese Romane Handlungsmacht, ökologische Verflechtungen und interspezifische Kommunikation neu imaginieren. Sie sind literarische Experimente in multispeziesistischer Gerechtigkeit, die uns auffordern, moralische Verpflichtungen über den Menschen hinaus zu denken und alternative Zukünfte zu konstruieren – indem wir durch die Literatur endlich „Trashtieren" zuhören.
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